1998: Allershausen nach Dinkelsbühl

Veröffentlicht in 1998

Kleine Privatställe und große Pferdefeste

Nachdem wir schon letztes Jahr auf das erste Sternreiter-Treffen des Naturpark Frankenhöhe geritten waren, hatten wir uns einen Ritt zur zweiten Auflage dieses schönen und gelungenen Sternreiter-Treffens bereits im letzten Winter vorgenommen, als wir die ersten Hinweise auf eine Neuauflage des Festes bekamen. Da wir wieder eine andere Ecke Bayerns durchreiten wollten, planten wir unsere Route diesmal über Ingolstadt, Eichstätt, das Altmühltal und den Hesselberg. Wir versprachen uns eine aufregende und doch pferdefreundliche Landschaft und hofften, wieder so einen gelungenen Ritt und so viele nette Begegnungen mit anderen Leuten zu haben wie im vergangenen Jahr, als wir über Schrobenhausen, Marxheim, Öttingen zum Hesselberg (15 km östl. von Dinkelsbühl) geritten waren.

 

Unser Trainingsplan war einfach, aber genial, wir ritten schon Anfang April die ersten Tagesritte, bis Mitte Juni waren es schon insgesamt 320 km auf ein-oder mehrtägigen Wanderritten, nicht gezählt die vielen ausgedehnten Ritte bei unserem Stall. Vor allem hatten wir immer gutes Wetter, keinerlei Unfälle, einfach nichts, was einen Ritt hätte verderben können.

Die Routenplanung fand wie gewohnt wieder auf dem Wohnzimmerboden statt. Ein Korridor, der die voraussichtliche Streckenführung begrenzte, und die zwingenden Punkte wie Donaubrücken, Autobahnübergange, Quartiere wurden eingezeichnet und jeden Tag wieder ein Stück des Weges ausgetüftelt. Es ist ein besonderer Teil der Vorbereitung, wenn man sich an langen Winterabenden, wenn draußen noch das schlechte Wetter tobt, seinen Weg auf der Karte einzuzeichen beginnt und dabei schon eine Ahnung von der Landschaft, der Kultur und den Leuten bekommt. Quartiere wollten wir heuer nicht mehr jeden Abend aufs Gradewohl suchen, sondern uns möglichst schon vorher einige Adressen zusammensuchen, selbst wenn wir dann doch die eine oder andere Station auslassen würden.

Schon die erste Station, vermittelt vom Reit- und Fahrverein Wolnzach, klang sehr verheißungsvoll - eine sehr nette Dame sagte uns zu, daß wir in ihrem kleinen Privatstall übernachten dürften. In Ingolstadt vereinbarte ein Reiterkamerad, den ich über das Internet kennengelernt habe, in dem Pensions-Stall, in dem das Jung-Pferd seiner Freundin steht, die nächste Station und ließ es sich nicht nehmen, uns an der Donaubrücke bei Haunwöhr abzuholen, zu Pferde natürlich. Toni Liesch vom Landwirtschafts-Amt in Dinkelsbühl, einer der Initiatoren des Festes, nannte uns noch zwei Adressen auf der Fränkischen Alp, bis wir im Altmühltal das sichere Netz der fränkischen Wanderreitstationen erreichen würden.

Samstag, der 27.06.1998: Wir kommen nicht so recht in die Gänge, das viele Gepäck läßt sich nicht so verstauen, wie wir es gerne hätten, alles dauert mindestens doppelt so lange wie gewohnt. Als wir endlich mit den bepackten Pferden den Hof verlassen, ist es schon 10:00 Uhr, obwohl wir doch schon um 5:00 Uhr aufgestanden waren, um genug Zeit zu haben und trotzdem nicht in der Hitze reiten zu müssen. Noch ist uns die Gegend vertraut, kennen wir die Ortschaften, die Höfe neben dem Weg. Doch bald nach Mittag, an Schweitenkirchen vorbei, wünschen wir uns sehnlichst ein Gasthaus mit einem schattigen Platz für die Pferde herbei. In allen Ortschaften aber wird uns gesagt, daß die Wirte aufgeben, weil sie am Land kein Auskommen mehr hätten, wir sollen doch nach Schweitenkirchen oder Geroldshausen fahren. Geroldshausen erreichen wir gegen 14:00 Uhr, die Wirtschaft hat geschlossen, aber der Jugendtreff am Sportplatz wird zur Oase unter Kastanien. Während wir Apfelschorle trinken, dürfen unsere Pferde neben dem Fußballplatz grasen. Nach einer vergnüglichen Pause bummeln wir durch den Wald nach Wolnzach, wo wir an der Straße nach Pfaffenhofen am Ortsrand den Stall suchen sollen.

Der kleine Privatstall ist eine gewaltige Turnieranlage, mit vielen Koppeln und schön bewachsenen Abreiteplätzen. Die nette Dame vom Telefon ist die Besitzerin und sie überläßt uns eine wunderschöne Hütte mit großem Offenstall, Dusche und WC und saust gleich, um noch besseres Heu zu holen. Sie ist früher auch längere Wanderritte gegangen, kommt aber wegen der Kinder und anderer Verpflichtungen nicht mehr dazu. Sie bietet uns einen Richter-Turm zum Schlafen an, was uns angesichts eines Wetterberichtes mit Gewitter-Garantie höchst willkommen ist. Da zu dem Reit-Areal auch zwei Wirtschaften gehören, gibt es ein gutes Abendessen, vom Wirt bekommen wir noch Wurst und Brot und Saft für das Frühstück eingepackt.

In der Nacht toben gewaltige Gewitter, es regnet in Sturzbächen und stürmt, daß der Richter-Turm nur so wackelt. Der nächste Morgen aber ist klar, die Luft wunderbar frisch und die Pferde munter, als wir um 7:30 Uhr losziehen. Wir haben einen Weg ausgetüftelt, der uns über und unter alle Autobahnen, Bundesstraßen, Bahnlinien in die südlichen Vororte von Ingolstadt bringen wird. In Oberstimm in der Wirtschaft werden wir bestens versorgt, als wir wieder zu den Pferden kommen, die hinterm Haus angebunden sind, sind sie vom Vater des jetzigen Wirtes bereits mit frisch gesenstem Gras gefüttert und noch einmal getränkt worden.

Durch die südwestlichen Vororte Ingolstadts erreichen wir die Staustufe bei Haunwöhr, die uns einen Übergang über die Donau ohne Verkehr ermöglicht. Am anderen Ufer treffen wir Sabine und Stefan, die uns auf schönen Wegen die letzten 10 km zu dem Stall bringen, bei dem Sabines Junger steht. Die Turnier-Pferde der beiden sind gut geritten, sie haben einen ordentlichen Schritt und sind, wie die Reiter selbst, angenehme Begleiter. Natürlich drehen sich unsere Gespräche bald nur noch um das Eine.

Der Stall, in dem uns die beiden Quartier besorgt haben, ist eine nette Reitanlage, wo uns gleich zwei schöne Boxen für die Pferde gegeben werden. Sie haben etwa 45 km des heutigen Tages problemlos hinter sich gebracht. Es war unsere längste Etappe, wir hatten Glück, daß das Wetter nicht zu heiß, aber trocken war, und wir die Strecke um Ingolstadt gut geplant hatten.

Nach einem schönen Abend in einem Biergarten in Ingolstadt bringen uns Sabine und Stefan wieder zurück in den Stall, wo uns der Stallbesitzer auf der Couch einquartiert, weil es “im Heu vielleicht rustikal, aber unbequem” ist. Am nächsten Morgen haben wir es nicht eilig, eine kurze, der Karte nach besonders schöne Strecke wartet auf uns und die Temperaturen sollen auch nicht so hoch werden - wir frühstücken in der Sonne mit dem Stallbesitzer und brechen erst gegen 10:00 auf. Leider müssen wir noch zweimal zurück, erst läuft uns der Hofhund nach und macht keine Anstalten, wieder zurückzugehen (fast hätten wir den süssen Knopf ja mitgenommen), dann fällt mir nach einer weiteren halben Stunde auf, daß ich die Tüte mit Schmutzwäsche, die ich zum Heimschicken schon vorbereitet hatte, im Stall vergessen habe.

Unser Kurs ist jetzt genau westlich, wir reiten auf der alten Römerstraße nach Nassenfels, wo wir beim Bäcker/Supermarkt/Posthalter unsere Schmutzwäsche und die Schlafsäcke mit einem Paket nach Hause schicken und einen Kaffee trinken. Die Pferde stehen am Fahrradständer vor der Tür und alle Kunden tun so, als ob dort jeden Tag Pferde stehen würden. Die LKWs donnern in 2 m Abstand an ihnen vorbei, sie bewegen kein Ohr.

Bei einer wiederaufgebauten Römervilla ist unsere Abendstation, die wir früh am Nachmittag erreichen. Die Pferde können auf der Koppel grasen, wir beziehen eine schöne Ferienwohnung und reinigen uns gründlich. Leider werden die Pferde abends in einen fürchterlich dunklen und stinkenden Stall gesperrt, trotz schlechtem Gewissen schlafen wir bald tief und fest. Die Übernachtung auf dieser Station ist die mit Abstand teuerste des ganzen Rittes, dabei für unsere Offenstall-Pferde bestimmt die unangenehmeste.

Am nächsten Morgen sind wir wieder früh unterwegs, es geht zur Altmühl hinunter, die wir bei Breitenfut überqueren. Der Kontrast zwischen den weiten Höhen der Fankenalp und dem engen, gewundenen Tal mit den hoch aufragenden Felsen beeindruckt uns sehr, aber es ergeben sich die ersten Probleme mit den Wegen. Der Weg am Fluß entlang ist ein europäischer Fern-Radwanderweg mit entsprechend vielen Radfahrern, dabei stellenweise nur 1,5 m breit. Nach kurzem Kartenstudium entdecken wir noch einen Weg am Waldrand entlang, der uns durch einen wunderschönen Zauberwald das Tal entlangreiten läßt.

Nach dem Aufstieg auf die gegenüberliegende Alpfläche machen wir in Schernfeld Mittagspause, wo uns die freundliche Wirtin gleich gute Ratschläge über die Streckenwahl gibt. Leider kann sie uns nicht begleiten, ihre Hafis stehen auf der Sommerweide. Unsere Abendstation in Bieswang beim Tierarzt ist wieder ein Glücksfall, er überläßt uns praktisch das Haus, in dem seine Praxis untergebracht ist. Der Stall ist fast neu, die Boxen hoch eingestreut, er hat extra Hafer besorgt und sieht mit Freuden, wie gut es den Pferden trotz der zurückgelegten Strecke geht. Die beiden sind inzwischen gut eingelaufen, unser Gepäck ist planmäßig reduziert, weil wir immer Zimmer bekommen werden. Leider gibt es in Bieswang nur eine Wirtschaft, und ausgerechnet heute wird ein 60. Geburtstag in geschlossener Gesellschaft gefeiert. In der schön eingerichteten Ferienwohnung finden wir aber genug zu Kochen und müssen nicht hungrig ins Bett.

Am Mittwoch wandern wir über Pappenheim wieder an die Altmühl, erreichen Treuchtlingen und machen Mittag in einem kleinen Lokal direkt im Ortskern. Die Schulkinder schwärmen um unsere Pferde herum, jeder bringt altes Brot, Wasser, Äpfel aus Mutter´s Küche, so daß wir glatt Angst haben, eine Hungersnot unter den Schulkindern auszulösen. Besonders die Familie, an deren Gartenzaun wir die Pferde angebunden haben, ist an Fürsorge für die Pferde kaum zu übertreffen. Zum Dank tragen unsere Pferde ihre Kinder ein Stück weit durch den Ort, bis wir sie den etwas beunruhigten Eltern wieder übergeben.

Wieder können wir den als Radweg gewidmeten Weg am Ufer der Altmühl nicht benutzen, sondern gehen am Waldrand das Tal entlang, wo wir auf wunderschönen, einsamen Wanderwegen durch herrliche Laubwälder kommen. Immer wieder öffnet sich der Blick über das Tal, die Ortschaften liegen uns zu Füßen und die netten fränkischen Kirchtürme mit ihren Zipfelmützen grüßen noch lange, wenn die Häuser der Ortschaften schon wieder außer Sicht sind. Dann tut sich langsam das weite Tal zwischen Treuchtlingen und Gunzenhausen auf, am Horizont ahnt man bereits die Frankenhöhe und unser Etappenziel kommt näher.Leider müssen wir dorthin das Tal verlassen, ein kleines Waldstück trennt uns noch von Meinheim - doch in diesem Waldstück halte ich wohl die Karte falschrum, was uns einen unvorhergesehenen Rundritt durch den Meinheimer Forst beschert. Glücklich finden wir zu guter Letzt doch noch den Weiler hinter dem Wald, von dem aus unsere Abendstation schon sichtbar ist. Gerade, als wir den Lindenhof der Familie Jochum erreichen, beginnt ein Nieselregen - wieder Glück gehabt und die Mäntel nicht gebraucht.

Leider hat unsere Kleine einen Beschlag hinten aufgearbeitet, statt Ruhe gibt es noch Arbeit. Unsere Pferde sind hinten nur mit Kunststoff beschlagen, damit im Offenstall den Barfuß-Gängern gegenüber Waffengleichheit herrscht. Auf längeren Strecken haben wir deshalb immer zwei solche Trotters als Reserve dabei. Da wir aber den letzten, jetzt an der Zehe durchgelaufenen Beschlag hinten haben überstehen lassen, genügt es, den Beschlag abzunehmen und neu zuzuschneiden, um ihn dann wieder in die alten Löcher aufzunageln. Beim Abendessen beim Dorfwirt lernen wir noch Thomas kennen, der ein großer Cowboy-Fan ist und uns viel vom Wilden Westen erzählt, den er irgendwann einmal besuchen will. Insgeheim wünschen wir ihm, daß er nicht enttäuscht wird, wenn er sich wirklich auf die Reise macht.

Als wir am Donnerstag morgen bei Jochums aufbrechen, führt uns unser Weg auf den Gelben Berg, einem nach Norden steil abfallenden natürlichen Aussichtspunkt ins Ansbacher Gebiet. Weit schweift der Blick über Franken, angesichts der wenigen noch verbliebenen Reststrecke bis an unser Ziel überkommt uns schon etwas die Wehmut. Einfach weiterreiten, die Arbeit Arbeit sein lassen und dann von der Nordsee dem Atlantik folgend nach Gibraltar und von dort immer an der Küste entlang über Athen nach Alexandria und weiter via Tripolis nach Tanger….. Wir reißen uns los und reiten statt dessen durch herrliche Laubwälder weiter über Spielberg nach Obermögelsbach, wo wir wieder bei einem Rosserer einkehren. Seine Haflinger-Stute hat ihm vor kurzen ein hübsches Hengstfohlen gebracht, das er ganz stolz präsentiert. Als uns dann ein ortsansässiger Autohändler, der mitbekommen hat, das wir irgendwas mit Pferden zu tun haben, die Qualitäten seiner Autos besonders für Reiter schildern will, unterbrechen wir ihn zur Freude der Wirtsleute und erzählen, wo wir hergeritten sind. Wir müssen dann doch kein Auto kaufen.

Im nächsen Ort sehen wir kurz vor dem Ortseingang zwei Reiter, die zwar kein Gepäck dabeihaben, die wir aber für Wanderreiter halten. Wir verfehlen uns um 50 m, winken uns aber zu - die einzigen Reiter, die wir, abgesehen von unseren Ingolstädter Freunden, auf der ganzen Strecke gesehen haben. Am Fuß des schon lange sichtbaren Hesselberges, in Gerolfingen, finden wir wie im letzten Jahr bei der Brauerei Rötter Quartier für uns und die Pferde. Auf der Koppel neben unseren Pferden sind ebenfalls Gast-Pferde eingezogen, wir wissen aber nicht, zu wem sie gehören. Mit einer herrlichen Schweinshaxen und dem hauseigenen Bier verbringen wir unseren letzten Reiseabend, morgen werden wir in Dinkelsbühl sein und die Reise zu viert wird nur noch Erinnerung sein.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf die letzte Etappe, die uns durch ausgedehnte Wälder nach Dinkelsbühl bringt. Als wüßten sie, wo es jetzt hingeht, legen sich unsere Pferde plötzlich mächtig ins Zeug. Letztes Jahr waren wir ganz anders geritten und hatten uns von Süden Dinkelsbühl genähert, diesmal aber reiten wir von Osten an. Sie können die Gegend unmöglich kennen, aber es scheint so, als würden sie das Ende unserer Reise spüren. Wir hängen unseren Gedanken nach und reden nicht viel, jeder läßt für sich noch einmal die Etappen dieser Wanderung durch einen schönen Teil Bayerns Revue passieren.

Das Fest

Wir kommen in Lohe bei Dinkelsbühl an und sind sofort in einer anderen Welt. Es gilt, sich gute Paddocks zu sichern, Eimer zu organisieren, die Pferde abzuwaschen, die Eltern, die das Gespann zu bringen versprochen haben auf einen guten Parkplatz zu lotsen und vieles andere mehr. Als wir alles erledigt haben, können wir uns endlich zu den anderen setzen.

Clemens ist allein von Grafenwöhr aus angeritten, er hat in vier Tagen ca. 200 km zurückgelegt, muß aber noch heute nach Hause zurück, weil er zu einer Hochzeit eingeladen ist. Dann sehen wir die beiden Reiter wieder, die wir bei Altentrüdingen um 50m verfehlt hatten. Ruth und Harald sind aus Weiden in der Oberpfalz fast 250 km unterwegs gewesen und haben damit den längsten Anritt gehabt. Sie hatten auf ihrer 10 Tage langen Reise ebenfalls nie andere Reiter gesehen und waren genau wie wir überrascht, als sie uns sahen. Die Pferde, die wir in Gerolfingen auf der Nachbarkoppel gesehen hatten, gehörten zu einer von Toni Liesch geführten Gruppe, die zwei Tage rund um Dinkelsbühl unterwegs war. Wären wir ins Nachbarhaus der Rötters gegangen, dann hätten wir uns der sehr lustigen Gruppe zu einem munteren Umtrunk anschließen können - das werden wir an diesem Abend nachholen…

Nach und nach treffen immer mehr Reiter ein, der Stegmüller Peter taucht mit einer ganzen Horde Reiter und großem Hallo auf, dann kommt Wolfgang Putz, seines Zeichens Vorsitzender der IG Fjord-Pferd - auf einem Schimmel (!) führt er eine ganze Gruppe von Fjordi-Reitern, die ebenfalls mit lautem Schlachtruf auf sich aufmerksam machen. Walter Herzog aus Otterfing, Begleiter auf einigen Trenck-Ritten, kommt ebenfalls am frühen Nachmittag, er ist heute mit seinen Nachbarn Erwin und Holger von Spielberg knappe 40 km und hat, nicht zuletzt wegen unserer telefonischen Warnung am Morgen, ein Waldstück ausgespart, in dem uns durch die Verlegung einiger Wege noch ein kräftiger Verhauer widerfahren war. Ute mit ihren Isis ist auch wieder da, Steffen aus Blaufelden steht plötzlich vor uns und freut sich wie wir über das glückliche Wiedersehen. Melli aus Günzburg war mit seinen Begleiterinnen gute 160 km unterwegs, auch sie hatten einen tollen Ritt gehabt. Unser Artikel, den wir im vergangenen Jahr im VFD-Heft nach unserem letzten Ritt hierher veröffentlicht hatten, war offenbar eine gute Werbung für das Fest, wir werden jedenfalls häufig darauf angesprochen.

In der Reithalle haben die Fraunholzers bereits Tische aufgestellt, die Familie Ott hat einen Weinstand aufgebaut und wir tauchen in das beginnende Gewühl ein, das zwanglos über ein gutes Abendessen in ein feucht-fröhliches Beinandersitzen übergeht. Als wir unseren Hänger beziehen, ist es schon lange nach Mitternacht.

Am nächsten Morgen beginnt das eigentliche Programm. Ich hätte zwar gerne den Reiterpaß FN abgelegt, aber Sanne überzeugt mich, daß der Ritt rund um Dinkelsbühl interessanter ist und zudem nicht die Gefahr birgt, daß ich nach einer Woche Reiten durch die Prüfung falle. So reiten wir mit über dreißig anderen rund um Dinkelsbühl auf schönen Wegen, wobei sich der eine oder andere schöne Schwatz ergibt.

Als wir zurückommen, wissen wir, daß unsere Pferde kein Problem haben werden mit dem kommenden Einritt nach Dinkelsbühl, der in der Abenddämmerung mit Fackeln stattfinden soll. Vorher dichten wir aber noch ein Dankgedicht, daß Wolfgang Putz auf dem Marktplatz zum Besten geben soll. Damit das auch Melodie bekommt, stiftet Toni eine Flache Wein, wir tippen noch einen Ausdruck auf dem Computer im Büro und schon wird zum Abritt geblasen. Obwohl an diesem Abend das (wie sich herausstellen sollte) letzte WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft stattfindet, kommen doch alle mit, so daß sich ein Zug von über hundert Pferden nach Dinkelsbühl aufmacht.

Als beim Wörnitz-Tor die Fackeln ausgegeben werden, passiert doch noch ein Mißgeschick. Ausgerechnet Ruth, die so weit hergeritten war, wird von einem scheuenden Pferd samt ihrer braven Stute umgeworfen und holt sich einige schmerzhafte blaue Flecken. Gottlob ist aber nichts Schlimmeres passiert, tapfer steigt sie wieder auf und beißt die Zähne zusammen. Der Bürgermeister hält auf dem Marktplatz eine nette Ansprache, die Marketenderin geht mit ihrem Weinkrug von Reiter zu Reiter, Wolfgang trägt unser Gedicht vor und dann verteilt der Bürgermeister die Pokale für die am weitesten Angerittenen. Durch die menschenleere Stadt reiten wir mit unseren Fackeln wieder Richtung Lohe, wo sich ein sehr netter Abend anschließt, der sich fast bis zum Morgengrauen hinzieht. Immer wieder werden die Pokale mit Wein gefüllt, diesen und jenen läßt man hochleben und die Erlebnisse werden in immer wilderen Farben geschildert.

Als wir am nächsten Morgen mit schwerem Kopf aufwachen, ist ein junger Shetty-Hengst bei den Paddocks unterwegs. Er ist im Nachbarort ausgebrochen und sucht jetzt Anschluß bei den vielen Pferden, die hier stehen. Einige der Frühaufsteher mühen sich vergeblich, den kleinen Kerl einzufangen, wir liegen in unserem Hänger auf dem Logenplatz und krümmen uns vor Lachen. Wo immer der Hengst in einen Paddock geht (er paßt gerade unter dem Stromband durch), bezieht er sofort Prügel und saust wieder nach draußen. Inzwischen haben die ersten Pferde ihre Paddocks zerlegt, das Getümmel wird immer größer, das Gelächter auch. Als der Hengst endlich eingefangen wird, sperrt man ihn in einen Hänger, in dem er heftig randalierend wieder nach Hause gebracht wird.

Nach dem schon legendär guten Frühstück im Reiterstüberl “Zum Koppelblick” hält der allseits beliebte Wanderreit-Pfarrer Bruno Hoffmann eine sehr schöne Messe. Währenddessen hat das Wetter aber umgeschlagen, draußen geht ein kräftiger Platzregen nieder und wir sind froh, daß die Messe diesmal in der Halle stattfindet. Deshalb ist nach der Messe, als das Fest offiziell endet, auch recht schnell der Aufbruch angesagt, wird die Wiese, auf der die Hänger stehen, doch von Minute zu Minute tiefer und rutschiger für die Autos.

Auf der Heimfahrt sind wir glücklich über das Erlebte und zugleich traurig, das es schon vorbei ist. Wenn nächstes Jahr das Fest wieder stattfindet, möglicherweise diesmal in Rothenburg o. d. Tauber, werden wir wieder dabei sein, das steht schon fest.