Alpenreiten im Gran Paradiso

Veröffentlicht in 2000

Von unserer Wiener Korrespondentin aus den Saetteln dieser Welt

Auf Arabern durch’s Grand Paradiso

Reiterreisen-Prospekte sind schon faszinierend. Da kann man auf der Chinesischen Mauer reiten, durch die Wüsten Südamerikas, in der Serengeti mit Giraffen um die Wette galoppieren, und vieles mehr. Doch gleich kommt die große Ernüchterung! Zu teuer! Doch halt! Hier ein Bild von einem edlen Schimmel vor einer grandiosen Bergkulisse: 10 000,-S + Anreise. Das läßt sich machen.

 

Gedacht, gebucht! Wenig später saß ich im Zug, 16 Stunden lang. Über Mailand und Turin ging es an die schweizer Grenze, nach Aosta.
Unsere Pferde lebten 450 m über dem Tal, unter surrenden Hochspannungsmasten. Es war recht urig: Matratzenlager, kein Warmwasser - aber zwei nette Schweizerinnen, die gut kochen konnten.
Ich war glücklich, denn sie hatten mir die weiße Stute vom Prospekt zugeteilt. Soren aus Dänemark bekam einen schon 18 Jahre alten Vollblutaraber, seine Freundin den Hafi „Avalon“.

Mirko aus Köln, dessen Tätowierungen und Wolfszahnamulette wir schon bewundert hatten, und dessen Geschichten von seiner unsagbar reichen Familie in USA, Bruderschaften mit Indianern, Bärenjagden, Abenteuern noch und noch, wir bald alle kannten, bekam einen stabilen Scheck.

„Wir reiten nur mit Strickhalfter,“ klärte uns Rita auf, „ist das okay?“
„Ja wenn ihr das immer so macht, muß es wohl sein,“ dachte ich.
Nach kurzer Einführung in Natural Horsemanship ging’s los zum ersten Testritt.
Die Aussicht war phantastisch: tief unter uns das Tal, vor uns der Mont Blanc, …hinter mir Mirko, noch vergnügt grinsend: „Fotografiere mich, die Kölner sollen staunen!“

Der Weg wurde steiler und bald so eng, daß mein Fuß rechts beinahe am Steilhang streifte, die Spitze des linken hing über dem gähnenden Abgrund. Fredscha, meine Stute trug vorne Easy-Boots, hinten ging sie barfuß. „Ob das gut geht? Ach was, sie ist schon viele Male so gelaufen.“ Mirko, hinter mir, war endgültig verstummt. Anstatt seiner Heldentaten surrte nur mehr die blanke Angst um seinen Kopf. „Meine Allergie,“ stöhnte er, „ich kann leider nicht mehr mitreiten!“

Nur mehr 4 Reitgäste und unsere zwei Begleiterinnen ritten nun 5 Tage lang im Hochgebirge, über unglaublich steile Wanderwege, Treppen, Geröllhalden, fast 3000 m hohe Pässe und Almweiden. Wir übernachteten in Zelten und Herbergen, die Pferde in provisorisch eingezäunten Koppeln. Wenn wir rasteten, ließen wir die dicken Parelli-Seile hängen. Die Pferde liefen so nicht weg, sie wären darauf gestiegen konnten aber ungestört grasen. Fredscha, hochrossig, würzte mir das Seil dann immer mit ihren Säften und Düften. Wenn mir beim Bergaufgehen (manchmal wurde abgestiegen) die Luft ausging, klickte ich das Seil aus, und ließ Fredscha und die Gruppe voraus marschieren.

Am letzten Tag mußten wir wieder ins Tal, dann 1000 m bergauf, Mittagspause auf der Alm, dann 1000 m bergab. Die Pferde waren totmüde. „Gehen wir doch bitte die letzten 300 m bergauf zur Farm im Schritt,“ bat ich. Aber nein, es wurde losgerast! Ich mußte mit, ein Vollblutaraber will nicht zurückbleiben. Die armen Pferde, sie haben 3 Monate Saison, da müssen sie fast jeden Tag laufen, dann 9 Monate Pause.

Ich besuchte Fredscha am Abreisetag auf der Weide. Sie würde nun einige Tage rasten dürfen. „Adieu und danke vielmals!“