Andalusien, wie es nicht sein sollte…

Veröffentlicht in 2001

Von unserer Wiener Korrespondentin aus den Saetteln dieser Welt

Andalusien

Stellen Sie sich vor: Sie galoppieren auf einem edlen Andalusierschimmel über endlose Sandstrände, dann über blühende Bergwiesen und durch schattige Korkeichenwälder, genießen Sonnenschein und Wärme, wenn bei uns noch Schnee liegt. Sie werden umsorgt von einem immer gut gelaunten Reiseführer, der das gesattelte Pferd bereitstellt; vom Busfahrer, der Lunch und alles Nötige nachbringt, Sie abends in ein schönes Hotel fährt, wo erstklassiges Essen mit Tischwein serviert wird… alles ist bestens organisiert und hundertmal erprobt.

 

Das alles können Sie haben, wenn, ja wenn Sie nicht den „Katastrophenritt“ am 11. März 2001 gebucht haben – so wie ich.
Da standen wir am ersten Reittag, stramm und voller Erwartungen, alles junge Leute, ein alter Amerikaner und ich. Besorgt musterte mich Calle, der Guide, suchte schon das langsamste Pferd für die „Oma“. Nur das nicht! „Zu Hause reite ich Vollblüter!“ „Okay, nimm Liviana, den großen Fuchs!“ „Die“, wunderte sich Frank, „die ist schnell und sie buckelt wild.“

Mit Hafer vollgestopft, nach langer Winterpause ausgeruht, zackelten wir eine Weile den Strand entlang. Auch ein freilaufendes Pferd war dabei, als Reserve. Angenehm für Westernreiter sind diese spanischen Sättel, man sitzt wie angeklebt, schonend für die Pferde sind ihre gepolsterten Hackamores.

Calle hob die Hand, alle brausten ab! Nur Liviana ging zunächst mal in die Luft, bevor sie alle überholte. „She is dangerous, I cannot control her“, schimpfte ich. Aber Calle lachte nur, hob bald wieder die Hand zum Galopp. Es gelang mir, Liviana hinter der dicken Kruppe seiner Castania zu halten, „Stopp!“ Wir bremsten brav ein, da schoss der alte Amerikaner vor, das freilaufende Pferd folgte. Liviana schoss nach, wobei ich mir an Calles Bein den rechten Bügel abstreifte. In diese Richtung zu zerren, war also nicht ratsam, da uns vom Meer eine steile Böschung trennte. „Nur oben bleiben, wenn du leben willst, wenn du überleben willst, dann handle, aber bald, denn über die Asphaltstraße dort vorne kommen wir nicht ohne Sturz!“ Mit beiden Händen zog ich mit aller Kraft am rechten Zügel, widerwillig schwenkte Liviana vom Weg ab in die steinige Wildnis, wurde langsamer, stand!

Nun ritt Calle den verrückten Fuchs, ich seine Castania. An ihr war, außer dem ständigen Zackeln, nichts auszusetzen. Am zweiten Tag bogen wir landeinwärts ab. Die Woche vorher hatte der Ritt wegen der stärkten Regenfälle seit Jahrzehnten und wegen Hochwasser abgebrochen werden müssen. Die Pferde sanken in die sumpfigen Lehmböden der meist unbefestigten Wege tief ein. Vor uns lag eine Stierweide: „Stay together, don’t talk and stick on to your horse. Black bulls are dangerous.“ instruierte uns Calle.

Es wurde Abend, der Weg immer sumpfiger. Dann lag ein Graben vor uns. Liviana sackte plötzlich ab und steckte in dem zähen Schlamm. Nun lag dieses so nervige Pferd apathisch da und ließ sich stundenlang am Halfter zerren. Wir konnten sie nicht befreien, mussten zurück über die Stierweiden, dann im Stockdunklen durch einen sumpfigen Canyon. Calle hatte schon per Handy einen Traktor organisiert und eilte zurück.

Am nächsten Morgen, gerade als wir mit dem Bus bei den Pferden eintrafen, marschierte er mit Liviana ein, beide völlig schlammverkrustet und erschöpft. Ein Bagger hatte die ganze Nacht gearbeitet, eine Rinne gegraben und Traktor und Pferd befreien können. Wir beschlossen, auf der Straße zu bleiben. In Spanien ist es üblich, links zu gehen. Das ist gefährlich, denn entgegenkommende Fahrzeuge geben Gas, statt hinten zu bleiben.

Eine Bergkuppe! Ein LKW! Der Lenker sah Gegenverkehr, schwenkte nach rechts. Ein Reiter hängte sich in die Zügel, anstatt das Pferd in den Straßengraben ausweichen zu lassen. Ein Schrei! Der arme Schimmel kniete am Boden, Blut spritzte, eine Arterie war gerissen. Zufällig war der Pferdetransporter, der Liviana abgeholt hatte, noch nicht weit. Der Schimmel konnte schnell verladen und versorgt werden: Hufbeinriss. Im heimatlichen Stall haben wir ihn am letzten Tag wieder gesehen. Er stand, ordentlich verbunden, in einer sauberen Box. „Ein Jahr Zwangspause“, meinte der Pfleger.

„Alle guten Dinge sind drei“, dachte ich, aber auch am nächsten Tag gab es Aufregung. Lillis Pferd kippte im Schlamm zur Seite, dabei brach sie sich eine Rippe. Die letzten beiden Tage ritten wir Güterwege. Dort trifft man noch Mulikarawanen. Sie schleppen Korkeichenrinde ins Tal.

Der Wind hatte sich gelegt, es war warm geworden. Picknick wurde auf einem großen Stein serviert, mit herrlichem Blick auf die „weißen Dörfer“ Andalusiens. Da schrillte Calles Handy: LKW- und Busfahrer wollten wissen, wann sie uns im Tal erwarten sollten. Leider bald! Calle dachte schon an seine nächste Tour. „Will you come with me to the swamps of the Guadalquivir? „Natürlich! Wenn die Sümpfe dort nicht zu tief, und Liviana nicht dabei ist, gerne! Es war ehrlich gemeint.