Marokko 2003

Veröffentlicht in 2003

Von unserer Wiener Korrespondentin aus den Saetteln dieser Welt

Dieser Marokkoritt (2003) war traumhaft. Den kennst Du bestimmt nicht, absolut zu empfehlen. Ich habe gebucht bei: Pferd und Reiter- Reiterreisen.

Ritt in die Vergangenheit
Ende November: kalt, trüb, windig und naß, die Pferde stehen mit dickem Winterfell behangen da, sichtlich überzeugt davon, daß sie eine längere Pause wohl verdient haben. Aber ich möchte reiten – stundenlang, tagelang,….Was soll ich machen? Also studiere ich wieder „Reiterreisen“ Kataloge. Natürlich bleibe ich bei den Wüstenritten hängen, die vereinen all meine Wünsche: bizarre Landschaften, Sonnenschein, Wärme und rassige Pferde. „Marokko, Zauber der Sahara“ wird mein Traumziel.

 

Nach Agadir fliegt man 5 Stunden, mit dem Linienbus will ich dann 350 km ins Landesinnere fahren. Das bunte orientalische Leben, ich genieße es, weiß ich doch, daß die Leute friedlich sind und für ein wenig Geld gerne helfen. Noch 3 Tage Zeit, da kann man z.B. ganz für sich alleine ein Taxi nehmen, für 30 bis 50 Euro einen Tag zu den schönsten Kasbahs (Burgen) chauffiert werden.

Am Samstag Morgen soll’s losgehen. Wir sind nur 4 Reiter: ein Belgier, ein Kanadier, ein Bahnbediensteter aus dem Mühlviertel. Unsere Crew wird aus Busheim, dem „Chevalier.“ (Beruf laut Ausweis), einem Koch und Fahrer des Begleitfahrzeuges und einem Helfer bestehen.

Zunächst mal müssen wir noch 150 km nach dem Süden, nach Zagora…endlose Palmenhaine und dann das Straßenschild: 52 Tage nach Timbuktu, per Kamel natürlich. Die, und Esel sind hier noch unentbehrlich. Unsere Hengste warten schon: es sind mittelgroße Berberpferde mit kräftigem Fundament und durchtrainierten Körpern. Die werden sie brauchen, denn jeder meiner Begleiter wiegt 100 Kilo und mehr.

Mein Schimmel ist schon 18 Jahre alt und noch kein bißchen müde. So geht’s flott dahin, zunächst auf schmalen Spuren durch weite, brettelebene Steinwüste, dann durch Oasendörfer. Es ist fast zu unwirklich um wahr zu sein – wir reiten durch biblische Zeiten. Hier hat sich seit 2000 Jahren nichts geändert, und wo es Stromleitungen gibt, sind die so urtümlich, daß sie nicht stören. Über dicke, rote Lehmmauern blicken wir in sattgrüne Oasengärten, Frauen holen Wasser vom Dorfbrunnen, Kinder vergnügen sich mit aus Draht und Leder gebastelten Spielzeug, sie kommen von allen Seiten gelaufen: „Madame, un Dirham, Dirham, stilo….“Unmöglich, ihr seit ja viel zu viele!“

Nur auf Pferden kann man in diese geschlossenen Gesellschaften eindringen, sie so hautnah erleben und sich doch die nötige Distanz verschaffen. Diese biblischen Gestalten, sie grüßen freundlich: „Salam“, nur wenn sich eine Kamera hebt, winken die Männer zornig ab und die Frauen verschwinden fluchtartig in ihren Hauseingängen.

Mittags binden wir die Pferde an Büsche in den Dünen am Flüßchen Draa und essen Lunch aus den Satteltaschen. Abends, beobachtet von neugierigen Kinderaugen, versorgen wir die Pferde mit Heu, und Hafer, und speisen selbst, unter brillanten Sternenhimmel, arabische Spezialitäten.

Die Wüste ändert sich ständig, sie wird fein und weich für lange, fliegende Galopps, sie wird immer sandiger, bis wir auf den Pferden vorsichtig über hohe Dünen rutschen, sie wird unterbrochen von hohen Tafelbergen über die wir auf schmalen Pfaden klettern. Immer wieder zieht es uns zum Flußbett des Draa, dort, oder in tiefen Wüstenbrunnen gibt es Trinkwasser und Schatten unter Tamarisken und Dorngebüsch.

Mein Hengst empfängt mich jeden Morgen drohend mit zurückgelegten Ohren: muß man doch verstehen. Wie viele unfähige Reiter hat er wohl schon getragen? Ich kraule ihn verständnisvoll, dann beschnuppert er sanft meine Hand. Wie viele Schwergewichte sind ihn wohl schon in den Rücken geplumpst, haben sein Maul gerissen und gezerrt? Dem Neuling macht er mit hartem Zug sein Recht auf „langem Zügel“ klar, dann hält er zufrieden immer den geforderten Abstand und trabt und galoppiert willig und butterweich.

Natürlich leben “unsere” Pferde und andere Haustiere im Orient nicht im Paradies. Die Menschen ja auch nicht. Viele Kinder laufen oft 10 km und mehr zur Schule, Eselfutter können sie sich nicht leisten. Esel und Kamele müssen die steinigen Felder pflügen, schwere Lasten tragen. Wenn sie nicht arbeiten, stehen sie angebunden vor den Hütten. (Auch unsere Hengste kennen keine Koppel).
Hier leben Tiere und Menschen eng beisammen und keinen stört es.

So finde ich dieses Volk weit sympathischer als so manchen Vertreter der so genannten westlichen Zivilisation, der nicht mal den Anblick eingetrockneter Pferdeknödeln verträgt. Wenn man nachfragt, stellt sich meist heraus, dass er (sie) doch vor Jahren selbst über den hofeigenen Misthaufen zur Schule gelaufen ist, und noch immer von seiner (ihrer) glücklichen Kindheit schwärmt.