Eine Wienerin auf dem Waldmuenchenritt

Veröffentlicht in 2005

Von unserer Wiener Korrespondentin aus den Saetteln dieser Welt

Ritt durchs Land der Bajuwaren!

Den Hinweis fand ich im Internet: „Heuer schon zum 28. Mal - Ritt von Freising (bei München) nach Waldmünchen (an der tschechischen Grenze), 250 km in 6 Tagen. Info: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. Am Telefon meldet sich eine urbayrische Stimme: „Pack dein Pferd in den Hänger und komm, du zahlst an Ort und Stelle. Die Anmeldung ist unverbindlich, es kommen sowieso immer 100 Reiter und mehr. Schließ dich einfach irgendeiner Gruppe an. Schlafen kann man im Hänger oder Zelt, dem Pferd machst du einen Paddock, für Speis und Trank ist gesorgt. Die Gespanne werden von uns immer zum nächsten Tagesziel gezogen.“

 

Am Samstag, den 6. August 2005 packe ich frühmorgens meine kleine Araberstute Kasa in den Hänger, und da ich mir das Transportieren von 100 Hängern nicht vorstellen kann, auch noch Helfer Franz, und fahre los. Nach einigem Herumirren sind wir im kleinen Dorf Tüntenhausen angekommen und finden dort den netten Reitstallbesitzer. „Du bist die Erste, stell Dein Auto auf das große Stoppelfeld dort.“ „ Meinen Golf? Unmöglich!“ „So lass ihn denn an der Straße, bau dem Pferd einen E-Zaun auf dem Feld, Heu, Müsli und Wasser sind dort. Dann verwünscht er in düsterer Vorausahnung die herannahenden schwarzen Gewitterwolken. Bald trifft ein Auto nach dem anderen ein, wagt sich aufs aufgeweichte Feld, muss vom Traktor in Position geschleppt werden, oder (als Geländewagen) auch nicht. Freudiges Wiedersehen mit alten Bekannten (vom Alpenritt), die Zeit vergeht schnell. Essen ist um 19 Uhr in der Scheune. Dort bezahle ich auch mein Startgeld: 275 Euro, inklusive 3 Mahlzeiten pro Tag und Futter für das Pferd. Das Nachschleppen des Autos + Hängers kostet 60 Euro.

Sonntag Früh reitet eine Gruppe nach der anderen los, völlig ungezwungen, jeder wie er will. Wer sich das Kartenlesen nicht zutraut, findet sicher eine Gruppe, die ihn bereitwillig mitnimmt. Ich darf mit Stefan reiten, der schon zum 13. Mal dabei ist, und der gerne neue Wege auskundschaftet, auch wenn sie schwierig und lang sind. Übernachtet wird auf der großen Wiese eines Reitbetriebes in Moosburg. Die Mahlzeit ist, wie auch alle folgenden, vorausbestellt, es gibt Menüs zur Auswahl, immer sehr gut und reichlich.

Am Montag früh hat’s Franz eilig, er will sich den Trossfahrern anhängen. (Die fahren pro Tag 3 bis 4 Gespanne). Schnell reiße ich meinen Sattel, Tasche und Zaum aus dem Hänger, Franz fährt los. „Oh Gott, ich habe das Pad vergessen!“ Aber da sind noch genug Reiter mit Gespann da, gleich wird mir ausgeholfen. Nun reiten wir flott voran, an der 40 km. Sehr selten müssen wir auf Asphalt, meist wählt Stefan Feldwege, die sich Bächen, oder langen Hopfenfeldern entlang ziehen.

Mal sehen wir Reiter am Horizont, mal überholen wir, mal werden wir überholt. Je nach Typ und Laune gibt’s Zurufe, Späße oder einen Schluck Schnaps. Die meisten reiten auf Westernsätteln, auffallend viele Männer in typisch alpenländischer Cowboymanier. Unser Ziel ist ein kleiner Ort Richtung Norden, eine ungemähte Wiese neben einem Gasthof. Mein Hänger steht schon in der langen Reihe. Nun wird’s spannend: wer schafft es noch hierher, bevor der Gewitterregen niedergeht.

Dienstag: Wir reiten gut 50 km ostwärts, zuerst über Feld- und Waldwege zur Mittagspause. Dort warnt Altreitmeister „Papi“, (schon zum 26mal dabei) vor unpassierbaren Wegen, weil doch ein Sturm hier gewütet hat. Tatsächlich, da sind ganze Schneisen Fichten auf halber Stammhöhe abgebrochen, riesige Wurzelstöcke wölben sich wie Hügel auf. Wir müssen uns den Weg durch oder über gebrochene Bäume und Äste bahnen, dann wieder Tempo machen. Das freut die 10jährige Sabine, die sich uns mit ihrem flotten Kabardiner angeschlossen hat, um mal lange Trabstrecken zu erleben.

Unsere Wiese liegt diesmal wunderschön über einem Tal, gegessen wird im Reiterhof. Eine Dusche gibt es, aber auch 100 verschwitze Reiter und noch Begleitpersonen….da gieße ich mir lieber einen Kübel kaltes Wasser über den Körper. Abkühlung brauche ich dringend, denn Franz hat ganz aufgeregt erzählt, dass er den Hänger vergessen hat, und – um nicht die anderen Trossfahrer zu verlieren - bis ans Tagesziel und zurück, 80 km, umsonst gefahren ist.

Am Mittwoch, uns haben sich noch 2 Damen auf Vollblütern angeschlossen, wollen wir die Donauebene durchqueren, 50 km.
Mittags reiten wir über eine Donaubrücke in Straubing, dann lange Kanäle und Dämme entlang, immer auf Sand- oder Graswegen, und sind bald mitten im Bayrischen Wald. Fast wie in der Steiermark, nur – hier, wie in ganz Bayern darf man, dank VFD (Verein der Freizeitreiter Deutschlands) auf allen Wegen reiten. Sonst wäre so ein Ritt mit 100 Teilnehmern doch gar nicht möglich.

Wie im Paradies: man grüßt Bauern, Jäger, Spaziergänger, ..… ohne angeschnauzt zu werden, ohne schlechtem Gewissen. Mich schwer geschädigte Österreicherin krampft es die Kehle zu, wenn ich so einen „Grünrock“ sehe, die Bayern grüßen locker und freundlich. „Wie im Himmel“ ruft mir auch Franz nach, als ich ihn in der Mittagspause kurz begegne, „Hie läuft ja alles wie am Schnürchen“, springt in meinen armen, schwachen Golf und braust ab, all den dicken Pajeros, Merzedes- und Audi-Limousinen hinterher.

Am Donnerstag machen wir einen weiten Umweg über urige Höhenwege und genießen, mit dem harten Kern der bayrischen Wanderreitszene, ein Kaffeestündchen im Almhüttengarten. Beim Abritt macht mich einer aufmerksam: „Dein Pferd blutet am Röhrbein“. Die Wunde ist klein, aber dunkelrote Blutstropfen quellen hervor. An einem der überall herumliegenden, vom Sturm abgebrochenen Äste muss sie sich gestochen haben. Meine Stimmung sinkt. Aber Kasa trabt bis zur Abendstation munter weiter, wir haben dann 60 km über Berg und Tal bewältigt. Nach dem Abendessen jedoch ist das Bein dick geschwollen. Aus der Traum….

Freitag: Traurig schaue ich und wiehert Kasa all den 100 Reitern nach, die frisch und fröhlich die große Wiese verlassen, um den letzen Streckenabschnitt, an die 30 km, in Angriff zu nehmen. Aber so schlimm ist es nicht. Den Höhepunkt, nämlich den Einritt in Waldmünchen mit großer Parade, Musik, Ansprache des Bürgermeisters…..können wir ja, da Kasa nicht lahmt, trotzdem erleben. So fahre ich sie zur großen Wiese dort, reite mit anderen Lädierten zum Sammelplatz.

Der Bürgermeister begrüßt uns alle, und besonders die „Reiterin aus Wr. Neustadt, die trotz des weiten Weges zu uns gefunden hat“…

Nun fragt man sich, ob es bei einem so großen, anspruchsvollen Wanderritt auch gröbere Unfälle gegeben hat? Es hat natürlich jeden Tag Reiter oder Pferde gegeben, die ausgefallen und abgereist sind, aber auch jeden Tag neue, die dazu gestoßen sind, und nur einen groben Unfall: Ein Pferd ist in ein großmaschiges Rundgitter (man transportiert damit Brennholz) getreten, in Panik geraten, und hat sich dabei eine Fessel schwer verletzt.

Überraschenderweise jedoch war der Reiter (mit bandagiertem und hinkendem Pferd) bei der Abschiedsfeier wieder dabei und gelobte, wie alle anderen, auch August 2006 wieder nach Waldmünchen zu reiten.