Meran-Ritt der VFD

Veröffentlicht in 2005

Von unserer Wiener Korrespondentin aus den Saetteln dieser Welt

VON MÜNCHEN NACH MERAN

ALPENÜBERQUERUNG 2004
29. Mai bis 6. Juni

Es war für mich ein Ritt der Superlative. Obwohl ich schon viele Wanderritte gemacht habe- in Österreich, Tschechei, Ungarn – war es mein schönster. Es war der, dank Tina und Peter, am besten organisierte; dank Georg, Arno und Marion am besten geführte Ritt. Es war auch der Ritt mit dem am liebevollsten zubereiteten Mittagspicknick, und der mit den nettesten Kameraden (42 an der Zahl).

 

1. Tag: 42 km
Schon um 7 Uhr 30 sollen wir am großen Parkplatz des Klosters Andechs sein. Von meinem schönen Quartier im Orlow-Stall Langstetten ist es nicht weit. Bald herrscht reges Ausladen von Pferden, Einladen von Koffern, Autos rangieren, Aufrufen zum Frühstück, satteln, diskutieren, wiehern,… Der Prior des Klosters segnet uns und ab geht es, Punkt 8 Uhr, Richtung Süden.
Die vorigen zwei Tage vorher hat es fast ununterbrochen geregnet, an diesem Morgen ist der Himmel strahlend blau.
Nebelschleier liegen noch über dem satten Grün der Felder, immer wieder tauchen wir ein in hohe, kühle Tannenforste, …wir reiten durch sanfte Hügellandschaft auf doch meist beinharten Schotterböden. Es wird viel getrabt, denn bis Peiting im Pfaffenwinkel ist es weit.
Nach 2 Stunden wollen wir die Pferde in der Ammer, hier kaum 30 cm tief, tränken. Mein Pferd Sinuhe genießt den kühlen Bach, andere scharren aufgeregt darin. Ein Reiter hat seinen großen Warmblüter schon ins Wasser gelotst, seine Frau bemüht sich, ihren Braunen den Hang hinabzutreiben. Plötzlich ein Getöse: der Braune ist auf die Gruppe seines Stallgenossen gesprungen, die Pferde kippen ins Wasser, ihre Reiter tauchen unter! Zum Glück sind sie gleich wieder oben, haben nur Hautabschürfungen erlitten. Im Tumult hat auch noch ein Rappe einem Reiter aufs Schienbein geschlagen. Das fängt ja gut an! Nachdem sich die beiden Getauften umgezogen haben, kann es weiter gehen.
Mittag halten wir Rast in einem Bauernhof. Wie genial: Unsere Begleitmannschaft hat lange Seile gespannt, in die in Abständen von etwa 3 Metern Knoten gebunden sind. In diesen kann man alle Pferde schnell und sicher anhängen. Es gibt alles was das Herz begehrt: Suppe, Würstchen, Salate, Obst, Kuchen, Kekse, Getränke alle Art, und dann auch noch ein Fläschchen mit Mineralwasser für unterwegs.
Gestärkt geht es weiter, immer der leuchtendweißen Bergkette der Alpen zu.
Am Tagesziel Peiting besitzt Georg eine große Reitanlage, und da erklärt er uns auch, wie man effizient 40 Pferde für die Nacht versorgt: „Hängt sie zunächst mal alle an die Ringe in der Halle, dann legt die Sättel auf die Bänke in der Mitte, tränkt die Pferde mit bereitstehenden Wasserkübeln, holt alles was ihr braucht aus dem Hänger und führt die Pferde auf die Koppeln. Schon sind flinke Hände da, Litzen zu spannen wo notwendig und Pferde, die sich nicht vertragen, zu trennen. Sinuhe hat gleich einen Kameraden gefunden, Amal, einen VA-Schimmel wie er, einträchtig grasen sie nebeneinander. Ein großer Fuchs hat weniger Glück, er wird von einer Stute so böse geschlagen, daß er genäht werden muß. Von nun an stehen beide solo.
Unser Kleinbus bringt uns in Gruppen in ein nettes Hotel. Beim gemeinsamen Mahl herrscht allgemein angeregte Konversation: so viele fremde Gesichter, Namen, Vorgeschichten – wie soll man sich das alles merken?

2. Tag: 40 km
Es läuft schon alles wie am Schnürchen: Koffer vor die Türe, kurze Busfahrt, Pferde von der Koppel holen, satteln, Putztasche im Hänger verstauen, ab geht es…
Wieder Sonnenschein, dabei ein kühles Lüftchen….wir werden uns beim lieben Gott bedanken, in der schönen Wieskirche, auf die wir jetzt zureiten.
Nun, vor 30 Jahren stand sie tatsächlich noch einsam auf einer Wiese, heute herrscht rings herum Rummelplatzatmosphäre. Eine Wiese trotzt noch der Touristenflut, sie dient nun uns als Rastplatz. In Ermangelung ausreichender Bäume zum Befestigen der Seile für die Pferde hat unser Team einen Traktor organisiert. Wir holen unsere Kübeln vom Hänger um zu wässern, auf Wunsch gibt es auch Luzerne und Kraftfutter. Uns lockt wieder ein köstliches Mahl: appetitlich aufbereitet, mit Hilfe von Einwegtellern, -besteck und –gläsern so richtig genossen.
Ich eile voraus in die berühmte Barockkirche, gerade feiert man Jubiläumsmesse, den 250en Geburtstag. Danach gibt es extra für uns ein Orgelkonzert, und wieder wünscht uns ein Pfarrer guten Ritt.
Die Landschaft wird hügeliger, die Wege bleiben hart. „Wir sind am Königsweg“, erklärt uns Marion. „Hier ist Ludwig von Bayern mit seinem Schimmelgespann bei Nacht durch Wald und Dörfer gebraust“.
Dann muß sie sich um Dieter kümmern. Sein Pferd lahmt, der Hänger ist schon bestellt, wird ihn abholen und ins Nachtquartier bringen.
Wir machen auf einer Wiese halt, Sinuhe stürzt sich auf das saftige Gras, eine gastfreundliche Landwirtsfamilie spendet uns Wein und Kuchen. Dann reiten wir wieder den Kalkalpen zu.
Unsere Pferde sind wieder in einem Bauernhof untergebracht, unsere Gastgeber schleppen Futter, Wasser heran, Arno bringt Kraftfutter (aufs Heu serviert).
Tina verspricht uns eine Rundfahrt durchs abendliche Oberammergau. Ist sie nicht nett, die kleine gelb-schwarze Tschu-tschu-Eisenbahn, die uns alle vorbei an den Lüftelmalereifassaden zu unserem Wellnesshotel bringt.

3. Tag: 38km
Der erste Blick aus dem Fenster trübt die Stimmung, ich beschließe, den warmen, wasserdichten Anorak anzuziehen, den Regenmantel aufs Pferd zu schnallen.
Wir reiten durchs Ammergebirge, vorbei an 2000 m hohen Bergspitzen, durch gepflegte, noch typische ländlich-bayrische Kulturlandschaft, dann hinunter ins Tal der Loisach.
Direkt am Fluß wird Mittagsrast gehalten. Es ist kalt und es nieselt. Unter einem Zeltdach brodelt schon die Suppe. Sinuhe hängt sicher am Seil, geschützt zwischen Bäumen und mampft Luzerne.
Es tut uns so leid: Dieter muß sich verabschieden, er wird mit seinem lahmenden Pferd nach Andechs zurückgefahren.
Wir überqueren die Loisach und steigen dann durch immer enger werdende Täler hinauf zum Eibsee auf 973 m Seehöhe. Düstere Regenwolken hängen an den schneebedeckten Bergspitzen des Wettersteingebirges.
Vor uns liegt einsam und dunkelgrün der große Eibsee. Wir folgen lange den schmalen Rundweg um den See, dann müssen wir 500 Höhenmeter steil bergauf. Sinuhe kämpft um Kraft und Luft. Ich steige ab, mir geht’s bald ebenso. Die letzten Meter lasse ich mich, am Schweif hängend, hinauf ziehen. Rast: die kühle, feuchte Luft stärkt schnell die Kräfte, es kann weiter gehen.
Eine bescheidene Markierung weist uns darauf hin, daß wir nun Tirol betreten.
Kurze Rast an der Hochthörlehütte, 1450 m hoch gelegen. Es regnet, die Zugspitze, 3000 m hoch, zeigt sich nur schemenhaft und grau.
Wir müssen wieder 500 Höhenmeter bergab, gerne laufe ich, wenn möglich, neben meinem Pferd.
Ab- und Aufsteigen muß wohl überlegt sein: man muß aus der Gruppe ausscheren, dann nachtraben, bzw. laufen.
Abends erreichen wir die Hochebene von Ehrwald und Lermoos.
Auf einem Geländer hängen wir die Pferde an, schnell den Sattel runter, die warme, regendichte Decke drauf auf den schwitzenden Pferderücken, Paddock aufbauen - Pferd hinein. Wasser und Heu ignoriert Sinuhe, die Wiese ist zu saftig und grün. Froh daß meine Schuhe so warm und dicht gehalten haben, laufe ich die paar Meter zum Hotel. Es ist schon 18 Uhr, bald gibt es Abendessen. Wie schön, vom Zimmer kann ich die Pferde sehen.

4. Tag. 25 km
Schon um 5 Uhr treibt mich die Sorge ums Wetter aus dem Bett, es hat auch in der Nacht geregnet. Ich kann’s nicht glauben: tiefblauer Himmel, die Luft ist nun besonders rein und klar, die schneebedeckten Berggipfel so schön, daß ich schnell mit der Kamera ins Freie laufe.
Die Pferde grasen noch immer friedlich. Sinuhes Fell ist unter der Decke trocken und warm.
Um 8 Uhr 30 sind wir startbereit, zwei der Pferde (und/oder Reiter) sind zu müde, und wollen gefahren werden.) Nun geht es kleine und große Seen entlang auf der Via Claudia Augusta, der alten Römerstraße über den Fernpaß, Sinuhe trägt mich willig bergan, die steilen Abstiege laufe ich.
Einmal müssen wir in einem schmalen Tunnel die Hauptstraße durchqueren. Die zwei großen Warmblüter eines Ehepaares sehen ihre Kameraden schon auf der anderen Seite der Straße, rennen los…der heranbrausende LKW kann gerade noch bremsen.
Die Wolken hängen wieder tief, als wir unseren Bauernhof in Dollinger erreichen, und beim Abendessen prasselt der Regen aufs Dach. Der arme Arno, er muß im Hänger bei den Pferden schlafen, und sie zeitig morgens auch füttern.

5. Tag: 48 km
Wir müssen früh aufstehen, die Strecke ist lang und führt zunächst immer leicht bergauf. Eindrucksvolle Wolkenformationen hängen über den Bergen, manchmal kommt sogar die Sonne durch. Mittagsrast halten wir in einer Ranch –ganz nett, aber unser Team kocht besser.
Wir müssen von 800 auf 1559 Höhenmeter zur Piller Höhe, bergauf steigen, und werden mit einem phantastischen Blick über das Inntal belohnt. Dann laufe ich, Sinuhe führend, die mühsam erklommenen Meter wieder bergab ins Inntal..
Im kleinen Ort Prutz dürfen die Pferde aus dem Brunnen am Marktplatz trinken, dann geht es wieder den Inn entlang.
Diesen Abend wohnen wir besonders komfortabel in einem Hotel in Lafairs mit Schwimmbad und Sauna, die Pferde auf einer Koppel daneben. Wir sind 11 Stunden unterwegs gewesen.

6. Tag: 38 km
Morgens verdrießt wieder der Blick zum Himmel, die Wolkendecke ist nun einheitlich grau und regenschwanger.
Wir reiten wieder auf schmalen Wegen den Inn entlang, die Talsperre bei Finstermünz (von der Römerzeit bis 1850 wichtige Zollfestung, heute vom Wald umwucherte Ruine) müssen wir dann auf wackeliger Brücke überqueren.. Vorsichtig lotst Georg ein Pferd nach dem anderen über die Holzbretter.
Wie gut er doch die Strecke kennt. Wir gehen kaum auf Straßen, oft über idyllisch verwachsene Pfade.
Eine Woche vorher ist er 4 Tage hier geritten, um nicht mit uns auf mit Bäumen oder Muren verstopften Wegen umdrehen zu müssen.
Wir sind auf etwa 1000 m Seehöhe, und müssen noch 500 Meter aufsteigen. Es regnet, alles ist klatschnaß, alles grau in grau.
An einer Wegbiegung warten wir auf die Gendarmerie, sie wird einen 300 m langen Tunnel für uns sperren.
Mittagsrast in einer Scheune beim Fort Nauders. Die Pferde hängen müde und an ihren Seilen. Für uns ist eine Besichtigung der einst strategisch so wichtige Festung geplant. Heute sind es nasse, kalte, kahle Räume, die wir gerne gegen die verregnete Natur tauschen.
An der Grenze zu Italien gibt es ein Wiedersehen mit unseren 4 Trossfahrern. Formalitäten gibt es keine, dafür aber ein Glas Rotwein für jeden.
Bald danach liegt der langgezogene Reschensee, vor 50 Jahren aufgestaut,vor uns. Der Himmel hellt auf, aber es weht noch ein eiskalter Wind. Da sind wir wenig erfreut über die Bewässerungsfontänen beiderseits des Weges. Gut, zwei oder drei entgehst du, aber der vierte erwischt dich bestimmt. In so großer Gruppe gibt’s kein Zögern, sonst erwischt es den nächsten.
Am Westufer, hoch über dem See liegt unser Pferde-Nachtquartier. Wir sind noch auf 1500 m Höhe, ein schneidend kalter Wind bläst uns um die Ohren. Die Pferde, gut eingepackt, kümmert er nicht. Unser Quartier liegt nur einige Meter Fußweg tiefer. Ein Teil der Gruppe ist im Dorf untergebracht. Essen gibt’s in einer Scheune. Bei 4 Grad kommt da trotz Kanonenofen und heißer Suppe keine so rechte Stimmung auf.

7. Tag; 35 km
Es geht nun, weiter den See und dann die Etsch entlang immer leicht bergab. Wir reiten, bzw. ich laufe - leider immer auf Asphalt - Wirtschaftswege entlang durch endlose Apfelplantagen. Am Hauptplatz von Burgeis spendiert uns Peter Wein. Wenig später durchreiten wir die eindrucksvolle Innenstadt der 700 Jahre alte Gemeinde Laatsch. Dann geht’s wieder durch die Obstplantagen des Vinschgaus. Die 2 bis 3000er Gipfel der Ötztaler Alpen die das enge Tal umschließen sind tiefgrün und ihre Spitzen schneebedeckt. Die Sonne scheint, und ihre Kraft nimmt mit jedem Meter, den wir absteigen, zu.
Abends erreichen wir einen Pferdehof mit weiten Koppeln. Nach Versorgung der Pferde und Plausch mit Einheimischen werden wir ins Hotel in Laas gefahren.

8. Tag: 40 km
Die Wege sind asphaltiert (EU-Gelder unnötig und sinnlos vergeudet). So kommen wir zwar langsam voran, haben Muße, die schöne Landschaft zu genießen.
Im Bierkeller, einem Ausflugslokal unter hohen Bäumen werden die Pferde angebunden. Ich bin unsicher, überlege: „Akazien sind giftig. Und dieser Strauch? Ich kenn ihn nicht. Und jene Blüten! Wird Sinuhe daran naschen wollen? Da wächst sogar eine Palme!“ Endlich finde ich einen harmlos aussehenden Stamm, binde ihn an, genieße mein Grillhuhn und bitte dann Georg, die lockeren Vordereisen meines Pferdes zu festigen.
In Naturns werden wir erwartet, am Hauptplatz mit Ansprache begrüßt, gewürdigt, beklatscht, bestaunt…
Sinuhe steht ungerührt da, freut sich über die vielen Karotten und Äpfel, die er bekommt.
Die Pferde sind in einem Reiterhof am Stadtrand zwar eng, aber wieder gut untergebracht. Wir lassen uns beruhigt ins Hotel fahren.

9. Tag 15 km
Wieder reiten wir, diesmal bei ungetrübten Sonnenschein, noch immer bergab. Meran liegt auf 324 m Höhe.
Der Einritt in die Innenstadt muß pünktlich erfolgen. Am Vinschgauer Tor werden wir mit Transparent willkommen geheißen, begrüßt, fotografiert,…flott reiten wir durch die Innenstadt, durch schmale Gäßchen auf den Markplatz, dann auf die nahegelegene Rennbahn.
Dort wartet schon ein Buffet mit köstlichen Torten auf uns, einen Essensbon im Restaurant gibt es auch noch.
Da laß ich lieber mein Pferd grasen. Zur Urkundenverleihung treffen wir uns noch kurz, alle sind schon ungeduldig, jeder hat noch viel zu tun, viele möchten in der Nacht noch nach Hause fahren.
Da unsere Pferdetransporter schon warten, wird gleich verladen. Schon um 5 Uhr fahren wir los, über Bozen, dem Brenner 35o km zurück nach Andechs.
Nach 6 Stunden Fahrt nimmt jeder dort sein Pferd in Empfang, sucht und verstaut sein Gepäck, Sättel, Sonstiges. Nun müssen die Pferde in stockdunkler Nacht in die Hänger, da ist oft Hilfe gefragt. Noch mal muß unsere Mannschaft zupacken.
Es ist schon nach Mitternacht, als ich den Parkplatz verlasse, die 6 km zum Orlow-Stall fahre, das Pferd in die Box stelle und im Hänger zufrieden und froh über diese so glücklich verlaufene Reise einschlafe.

HERZLICHEN DANK DEM TEAM !!!