Die grosse Alpenrunde

Veröffentlicht in 2006

Wenn Traeume wahr werden sollen - aber nicht wollen

Grosse Alpenschleife 2006

Mit dem Pferd tief in die Alpen und wieder zurueck, den Alpenhauptkamm hin und wieder zurueck zu Pferde ueberschreiten - geplant hatte ich an so einer Tour seit Jahren. Heuer schien alles zu passen, und so gingen zunaechst 4 Reiter mit ihren Pferden in Schongau Richtung Oberammergau los. Was wir in den folgenden 3 Wochen erleben wuerden, konnten wir uns nur teilweise vorstellen, im Guten wie im Schlechten.

Schon nach dem ersten Tag zeigte sich bei zwei Pferden leichter Satteldruck, so dass wir, um nicht gleich wieder abbrechen zu muessen, nach den ersten 40 km einen Rasttag einlegen mussten. Nicht die gesamte Ausruestung war erprobt, meine heissgeliebten Packtaschen waren geplatzt und erst am Tag vor dem Abritt konnte ich endlich Ersatz anschaffen - Plastiktaschen von Ortlieb (Will die jemand guenstig kaufen…?!). Aber die Dinger wackeln konstruktionsbedingt, den satten Sitz im Schwerpunkt, den meine alten gehabt hatten, haben Sie nicht. Das Gewackel konnte ich nie ganz abstellen, aber immerhin, es konnte weitergehen.

Starker Regen und fiese Temperaturen nagten an unseren Nerven, als wir ueber Lermoos und den Fernpass Richtung Inntal zogen. Unter dem Piller, dem Uebergang vom Unter- zum Oberinntal, entkamen wir um Minuten einem Hagelschauer, der mit einem kraeftigen Gewitter uebers Tal zog. Die Nacht wurde sehr kalt und die Pferde standen, eingepackt in Woilach und Poncho, im stroemenden Regen auf dem Paddock und liessen die Ohren haengen.

Die Ueberschreitung des Pillers ist immer ein Erlebnis - aus dem kalten Wald kommt man nach einem sehr steilen Aufstieg urploetzlich an den ‘’Gachen Blick'’, einem Aussichtplatz hoch ueber dem Oberinntal. Wir konnten uns kaum sattsehen, im Sueden schien das Wetter auch dankbarer. Am Nachmittag, 10 km vor dem geplanten Quartier in Pfunds, rutschte eines der Pferde in sehr steilem Gelaende vom Weg etwa 10 Meter ab, fing sich zwar auf einem ebenen Platz, kam aber aus eigener Kraft nicht mehr zurueck. Wir mussten Hilfe holen, und mit Hilfe eines schnell angelegten Wegs ging es doch gut. Aber alle Schutzengel hatten helfen muessen,

Am naechsten Tag zeigte sich das Pferd prima erholt, verletzt hatte er sich nicht. Was seine Moral anging, so war er samt Reiter relativ unbeeindruckt. Dennoch schafften wir den Aufstieg zum Reschenpass nicht, zu tief sass bei anderen der Schock. Zurueck in Pfunds beschlossen zwei heimzufahren, Toni und ich wollten weitergehen.

Am naechsten Tag war die Reschenpassstrasse fuer den KFZ-Verkehr gesperrt, wir nutzen die Chance und reiten auf der menschenleeren Strasse und laut singend durch alle Tunnels nach Nauders. Das einzige Auto war die Gendarmerie, die uns freundlich zuwinkt. Am Reschensee machen wir Station, es ist kuehl, aber trocken.

Die folgenden Tage im Etschtal sind landschaftlich beeindruckend, aber die Wege sind fast alle geteert und verlangen stundenlanges monotones Teertreten. Dafuer wird das Wetter immer freundlicher, endlich geht dem Tief die Puste aus. Wir haben furchtbar nette Begegnungen mit den Leuten entlang der Strecke, werden haeufig eingeladen und immer wieder gelobt fuer die Pferde und das schon Erreichte. Aber wir wollen ja wieder zurueck, moeglichst nach Schongau, wo unsere Haenger stehen.

Nach Meran steigen wir ueber Hafling in die Sarntaler, wo wir leider aus unseren Karten rausreiten, die geplante Strecke weit verfehlen und dann viel Teer treten muessen, bis wir in Sarnthein einen schoenen Stall finden, in dem die Pferde gut untergebracht sind. Der naechste Tag ist unser bitterster - jede Abweichung von der Hauptstrasse ist eine Sackgasse, wir muessen wohl ein Dutzend mal zurueck. Trotzdem sind wir irgendwann unter dem Penser Joch, haben ein ordentliches Quartier und hoffen, dass wir am folgenden Tag bessere Wege finden.

Der Aufstieg zum Penser Joch ist dankbar zu reiten, ein paar KM nehmen wir aber lieber die Strasse, weil auf den alten Wegen schon lange niemand mehr geht und diese entsprechend ungepflegt sind. Auf der Passhoehe posieren hunderte Motorradfahrer, wir sind froh, als wir der Strasse nach Egg nach ein paar hundert Metern Richtung Saiterberg entkommen. Dann geht es bald sehr steil in engen Kehren hinab, bis wir am Talboden bei der Alm vorbeikommen. Von dort zieht eine geschotterte Almstrasse bis nach Jaufenthal bei Sterzing. War es am Berg schoen frisch, ist es im Tal drueckend heiss, nach einem kurzen Stop bei der Wirtschaft und beim Brunnen ziehen wir Richtung Gossensass weiter. Erst in Innerpflersch, 10 km vom Eisacktal entfernt, kommen wir unter, dafuer aber herrlich.

Der naechste Tag sieht uns auf der Brennerbundesstrasse ueber die Grenze klappern, trostloser geht es kaum. Die Pferde haben die Motivation verloren, bei uns ist es fast noch schlimmer. Irgendwann erreichen wir Matrei und finden einen netten Stall und ein gutes Zimmer. Wenn uns morgen jemand anbieten wuerde, uns mit dem Haenger zu fahren, wir wuerden dankend annehmen. Der kommt aber nicht, statt dessen erleben wir doch noch einen rassigen Alpentag mit tollen Wegen, sagenhaften Ausblicken und recht spaet noch einer Station, auf der wir herzlich aufgenommen und liebevoll versorgt werden. Der Ehrensberger Fritz betreibt eine Postkutschenhalterei in Axams, wie sie netter nicht sein koennte. Wenn es nur immer so schoen waere wie an diesem Tag.

Am naechsten Morgen gehen wir ins Inntal, verfolgen den geteerten Radlweg an der Autobahn entlang bis wir Kopfweh haben von dem Laerm, um auf den alten Seefelder Weg zu kommen, der uns bolzensteil den Berg hinauf nach Seefeld bringen soll. Leider verpassen wir eine Gabelung und verreiten uns um eine gute Stunde, die wir wieder zurueck muessen. Gebrochen schleppen wir uns ins Seefelder Tal, gegenueber ist ein grosser Reitstall, die uns gerne zur Pause aufnehmen. Der Stallinhaber, der Much, sieht uns und fraegt spontan, ob wir ein Taxi brauchen. Wir schlagen sofort ein und eine Stunde spaeter geht es im Haenger zuueck nach Bayern, nach Schongau, zu unseren Haengern. Um 22:00 bin ich im Stall, raeume alles auf und falle noch vor Mitternacht halbtot in mein Bett.

Auf diese 18 Tage Ritt und ca. 500 KM, auf die ich mich ein Jahr lang vorbereitet hatte und auf die ich natuerlich auch grosse Hoffnungen gesetzt habe, brauche ich nicht stolz zu sein. Zu viel ging schief (obwohl es noch viel schiefer haette gehen koennen), zu wenig Glueck hatten wir mit den Wegen, und am Ende ging uns Kraft und Zeit aus, so dass wir den Kreis nicht mehr schliessen konnten - aber Erfahrungen jeder Art haben wir in Mengen machen duerfen. Unser herzlichster Dank gilt den Pferden, aber ebenso allen die uns geholfen haben auf (und vor allem neben) der Strecke.